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Jugenddialog: Wie einsam ist die Generation „always online“ wirklich?

Echte Verbindung statt digitaler Isolation: Jugendliche und Politik fordern Taten gegen Einsamkeit im Netz

Statistisch gesehen ist die jüngste Altersgruppe heute die einsamste – trotz permanenter digitaler Vernetzung. Um über die Ursachen, die Gefahr von Radikalisierung und echte politische Lösungen zu diskutieren, brachte der WAKE UP! Jugenddialog am 7. Juli 2026 Jugendliche und Spitzenpolitiker:innen im BASECAMP Berlin zusammen.


„Wir wollen keine einfachen Antworten geben und behaupten, Social Media macht einsam – so simpel ist es nicht“, ordnete Deniz Taskiran, Projektleiterin der Initiative WAKE UP! bei Telefónica Deutschland, den Tag ein. „WAKE UP! will genau hinschauen, wann digitale Räume verbinden und wann sie Isolation verstärken, um Jugendlichen das Werkzeug für einen selbstbestimmten Alltag an die Hand zu geben.“


Drei Berliner Schulklassen sowie hunderte weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer per Livestream diskutierten mit Newsfluencer Fabian Grischkat, Luise Meergans vom Deutschen Kinderhilfswerk (DKHW), Lilli Berthold (stellvertretende Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz) und den politischen Vertreterinnen Tamara Lüdke (SPD), Anne-Mieke Bremer (Die Linke) und Anna Auerbach (Volt).

Wenn ständige Vernetzung einsam macht
„Wir sind immer gut connected, wir haben alle Social-Media-Plattformen durchgespielt und trotzdem läuft da irgendwas schief“, gab Moderator Jan Schipmann zu bedenken. Dass Einsamkeit im Alltag dominiert, zeigte die erste Mentimeter-Umfrage: Knapp ein Viertel der Jugendlichen (23 %) erlebt Einsamkeit direkt bei sich selbst, weitere 26 % beobachten das Phänomen im engsten Freundeskreis.


Luise Meergans (DKHW) definierte: „Einsamkeit ist das subjektive, negative Gefühl, das entsteht, wenn die gewünschten und tatsächlichen sozialen Beziehungen eines Menschen nicht übereinstimmen.“ Im Netz fehle oft die emotionale Tiefe.



Bei der Frage, wie Social Media dieses Gefühl beeinflusst, gaben 15 % der Befragten an, sich durch Plattformen einsamer zu fühlen, während 19 % das Gegenteil erleben und sich weniger einsam fühlen. Lilli Berthold (stv. GenSek BSK) ergänzte jedoch, dass Social Media im ländlichen Raum oft „überlebensnotwendig“ sei, um überhaupt Gleichgesinnte zu finden, weil reale Räume fehlen.


Die Gefahr von KI und Radikalisierung
Kritisch beleuchtete die Runde „AI-Companions“ – KI-Anwendungen, die emotionale Nähe simulieren, aber keine echte Gegenseitigkeit bieten. Fabian Grischkat warnt zudem vor extremistischen Akteuren und „Alpha-Coaches“, die die Verunsicherung einsamer junger Männer im Netz gezielt ausnutzen: „Wir dürfen nicht eine ganze Generation an Typen im Netz verlieren. Die können ein noch viel größeres Problem für die Gesamtgesellschaft werden, wenn sie sich isolieren und radikalisieren.“

Auch die tägliche Flut an Krisennachrichten belastet die Jugendlichen. Auf die Frage nach ihrem Umgang damit zeigten sich die Teilnehmenden via Mentimeter zwar kommunikativ, 43 % tauschen sich aktiv mit anderen darüber aus, aber politisch eher zurückhaltend: Nur 12 % engagieren sich tatsächlich aktiv (z. B. in Vereinen oder auf Demos), während 38 % zwar informiert bleiben, aber selbst nicht aktiv werden. Lilli Berthold appellierte: „Holt euch diesen Raum im Netz zurück und wartet nicht auf Wahlen!“

Wer trägt Verantwortung? Jugendliche fordern mehr Mitsprache und reale Begegnungsorte
In den Arbeitsgruppen verlangten die Jugendlichen echte, generationsübergreifende Mitbestimmung über Strukturen wie Jugendparlamente statt bloßer Symbolpolitik. Der 20-jährige Emmanuel forderte mehr direkte Entscheidungskraft bei Zukunftsthemen und kritisierte drohende Kürzungen bei Jugendclubs.


Dass digitale Isolation oft durch fehlende, finanzielle Mittel im echten Leben erzwungen wird, machte ein weiterer Schüler deutlich: „Wenn grundlegende Dinge wie Kinobesuche so teuer werden, dass man mit einem kleineren Budget nichts mehr machen kann, geht man auch nicht mehr raus. Es braucht bezahlbare Angebote im echten Leben.“



Die Jugendlichen machten klar, dass sie über Schülerhaushalte fest in politische Prozesse eingebunden werden wollen, um analoge Treffpunkte aktiv mitzugestalten. Orte wie Jugendzentren sowie die finanzielle Unterstützung von Kulturangeboten sind für sie essenziell. Dass die Politik hier stattdessen weitere Kürzungen plant, besorgt die Jugendlichen zutiefst.


Psychische Gesundheit: Der Hilferuf nach Therapieplätzen
Ein zentraler und emotionaler Punkt der Debatte war die psychische Gesundheit der Jugendlichen. Fabian Grischkat legte offen, dass die Zahlen von Depressionen in dieser Generation massiv steigen und Einsamkeit dabei als gefährlicher Katalysator wirkt.




Luise Meergans übte scharfe Kritik an der aktuellen Gesundheitspolitik der Bundesregierung, die in die völlig falsche Richtung laufe: Es sei ein unhaltbarer Zustand, dass Jugendliche teilweise bis zu einem Jahr auf einen Therapieplatz warten müssen, den sie akut brauchen. Digitale Angebote oder KI-Tools könnten Wartezeiten zwar kurzfristig überbrücken, die Politik stehe jedoch in der Pflicht, endlich ausreichend reale Therapieplätze zu schaffen.

Was sich ändern soll
Die Debatte um ein Social-Media-Verbot nach australischem Vorbild spaltete den Raum ebenso wie die Frage, wie Medienkompetenz in der Schule und zu Hause vermittelt werden sollte. Während in einer spontanen Abstimmung vor Ort rund 75 % der Jugendlichen für ein eigenes Schulfach Medienkompetenz stimmten, betonte eine anwesende Lehrerin, dass diese Inhalte bereits fächerübergreifend erfolgreich vermittelt würden.


Anna Auerbach (Volt) brachte zudem den Vorschlag ein, digitale „Netzbegleiterinnen“ nach schwedischem Vorbild zu etablieren, die Jugendliche direkt in den Apps unterstützen.




Luise Meergans (DKHW) fasste zusammen, dass Einsamkeit nur gesamtgesellschaftlich gelöst werden kann, und forderte den ultimativen Hebel: „Wir Erwachsene sind verpflichtet, euch eine Stimme zu geben. Meine wichtigste Forderung ist, dass wir Kinderrechte endlich ins Grundgesetz aufnehmen.“ Statt reiner Symptombekämpfung fordert die Jugend echte Teilhabe und sichere Räume – Werte, für die sich WAKE UP! weiterhin nachhaltig einsetzt.